Bigotte Moral

Bigotte Moral

Vor fünf Wochen wurde über die Begrenzungsinitiative der SVP abgestimmt. Im Abstimmungswahlkampf hatte die SVP mit einem Schweizer Mädchen geworben und eine breite Ablehnung kassiert, weil sie für ihre Initiative ein Kind einsetzte. Nun stimmen wir über die Konzerninitiative ab – und es schauen uns von den Plakaten ebenfalls wieder traurige Mädchengesichter in desolaten Umgebungen entgegen. Die Manipulation unserer Emotionen mit Kindern ist platt, aber wirkungsvoll. Wer will schon Kindern Leid antun? Nur, dieses Mal gibt es keinen Aufschrei. Bigotte Moral? Kinder und SVP gehen nicht. Aber linke Anliegen und Kinder gehen problemlos. Dabei steht unter den Plakaten ganz klein, dass es Symbolbilder sind und inzwischen weiss man auch, dass die Gesichter und die Hintergründe frei von der Werbeagentur zusammengewürfelt wurden. Die Fotomontagen zeigen indische Kinder auf Maisfeldern im Bundesstaat Iowa, bedroht von einem Sprühflugzeug mit Chemikalien. Das nennt man heute Fake News. Früher hiess das Propaganda und noch früher hiess das: Du sollst nicht lügen. Genauso manipuliert ist das Bild eines traurig dreinblickenden, schmutzigen Mädchens mit einer stillgelegten Mine im Hintergrund. Auch das ist robuste Fotomontage, in der Realität stand es vor einem Sportplatz. Die Initianten verlangen, dass ethische Mindeststandards von der Schweizer Wirtschaft eingehalten werden sollen. Aber in ihrer Kampagne wird tief in die hypermoralische Mottenkiste gegriffen, frei von Wahrheit; die müssen nur die anderen einhalten. Im Grund genommen geht es bei der Konzerninitiative um unseren persönlichen Ablasshandel. Jede Tafel Schokolade kann Kinderarbeit beinhalten, wie auch günstig erworbene T-Shirts. Aber wer entscheidet sich für Fair-Trade-Produkte und verzichtet auf billige Kleidung? Alle Unternehmen, nicht nur Konzerne, sollen garantieren, dass ihre Lieferketten bis in die dunkelsten Winkel der Produktion korrekt sind. Das versuchen auch die meisten Unternehmen, die ihre Social-Responsibility- und Compliance-Reports nicht als Feigenblatt verstehen. Die selbstverpflichtenden Anstrengungen steigen. Aber der Impetus der Moralisierung ist stärker und lieber delegieren wir mit einem moralischen Kreuzchen auf dem Abstimmungszettel unsere Verantwortung, als unser Konsumverhalten wie die Sucht nach dem neusten Prestige-Handy zu hinterfragen. Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch FF1D3117-4181-4BDA-A5F3-D8BFA2D7DE0E
 
Weg mit der Heiratssteuer

Weg mit der Heiratssteuer

Heiraten, Familie gründen, Karriere verfolgen ist für Schweizer Männer okay. Für Frauen eher nicht. Denn es gibt noch immer typische helvetische Hindernisse, die einer Frau in den Weg gelegt werden, die nicht nur einfach Mutter sein will, sondern auch ihre Karriere im Fokus hat.

Zum Beispiel, dass Eheleute gemeinsam veranlagt werden und die Progression das wegfrisst, was gemeinsam erwirtschaftet wird. Ich weiss es noch wie heute, dabei ist es 20 Jahre her, als der Steuerberater mir sagte: «Es lohnt sich nicht, wenn Sie weiterarbeiten. Sie und ihr Mann müssen zu hohe Steuern bezahlen.»

Der Schock, dass ich, weil ich Mutter wurde und einen anspruchsvollen Managementjob hatte und der Ehemann als Unternehmer erfolgreich war, nun Vollzeitmami werden musste, war gross. Ich dachte sofort an meine Urgross- und Grossmutter. Beide hatten in Estland ihre Landgüter mit einer grossen Schar Kinder geführt. Meine Mutter kannte ich nur arbeitend in Deutschland – und nun sollte ich in der Schweiz mit Kindern rumsitzen? Ich fühlte mich abgewertet. Ständig musste ich mich rechtfertigen, weil ich arbeiten wollte. Und zwar weiterhin in meiner Position mit hundert Prozent. Ich habe es trotzdem gemacht und mehr Steuern bezahlt.

Für diesen Weg entscheiden sich aber nicht viele Frauen. Jahre später hatte ich frustrierte Mütter um mich, die keinen Wiedereinstieg in die Arbeit mehr fanden oder – wenn sie es schafften – klassische Bullshit-Jobs erledigen mussten. Ein Ausweg bietet die Selbständigkeit. Deswegen haben wir im Verband Frauenunternehmen sehr viele Unternehmerinnen mit kleinen Kindern. Aber das sind alles Ausweichstrategien, weil das Schweizer Steuerrecht keine Individualsteuer zulässt, sondern die gemeinsame Besteuerung verlangt.

Die sogenannte Heiratssteuer widerspiegelt ein Familienmodell, das nicht mehr in die Gegenwart passt. Daher ist es zu begrüssen, dass die FDP-Frauen zusammen mit Alliance F zum 50. Jubiläum des Frauenstimmrechts 2021 eine Volksinitiative zur Einführung der Individualsteuer lancieren. Durch die Individualsteuer werden berufstätige Ehefrauen nicht mehr steuerlich benachteiligt – und es lohnt sich für sie zu arbeiten. Als Folge würde sich hoffentlich auch die Diversität auf allen Kaderstufen verbessern, weil mehr Frauen im Job bleiben könnten. Die wohlfeile Ausrede, es fehle an qualifizierten Frauen würde dann genauso obsolet wie die ungerechte Heiratssteuer.

Riccarda Mecklenburg, Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch


 

In einer anderen Galaxie

In einer anderen Galaxie

Eintrag ins Therapietagebuch: «Oh, war das eine Horrorwoche. Das Buch «Wut» von diesem Bob Woodward, irgend so ein legendärer Journi, ist der Shitstorm der Woche. Also ich kenne den nicht. Als @Potus‘ Chief National Intelligence Social Media Officer und als Vertreter der Generation Z kann ich doch nicht alles über die alten Säcke wissen, die vor 50 Jahren mal ein Buch geschrien haben. «Waterfall-Skandal» oder so hiess das anscheinend. Seit Dezember ist der Typ 16-mal bei @Potus gewesen. Wir durften nie dabei sein. Auch sein Stabschef nicht und auch der Ersatzheilige, Vize Pence, war unerwünscht. Keiner wusste, was da lief. @Potus meinte immer nur, er würde dem Bobby die Welt erklären und zeigen, welch genialer Präsident er sei. Er würde ihn um den Finger wickeln, wie er das als Superverkäufer immer mache. Jetzt hat der eine Silberrückengorilla den anderen vorgeführt und schuld sind natürlich wieder wir von seinem Versager-Kommunikationsstab! Und dann noch das Gedöns mit diesen «QAnon-Erleuchteten». Verschwörungstheorien, Deep State-Phantasten, Aliens in den Regierungskellern. Jeden Rechtschreibfehler von @Potus auf Twitter deuten sie als geheime Botschaft! @Potus hat mal gesagt, er wäre vor seiner Präsidentschaft nur 17-mal in Washington gewesen. Und 17 ist im Alphabet das Q! Daher ist er ihr Superman. Mit solchem Mist muss ich mich die ganze Zeit rumschlagen. Ich wundere mich, dass wir nicht schon mit Alu-Hüten im Office sitzen. Inzwischen sind wir schräger unterwegs als sich das Douglas Adams in seinem skurrilen Science-Fiction-Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» ausgedacht hat. Der Unterschied zwischen dem galaktischen Präsidenten Zaphod Beeblebrox und @Potus ist, dass dieser sich einen zusätzlichen Kopf und einen dritten Arm hat annähen lassen, damit er seinen Anhängern noch mehr Entertainment bieten kann. Vielleicht ist dieser Roman das Drehbuch, für all diesen Wahnsinn. Jeden Tag müssen wir uns alternative Fakten ausdenken, um das Weltbild von @Potus zu bestätigen. Zum Schluss wissen wir selber nicht mehr, was wahr ist. Ich hoffe, wir verlieren die Wahl, damit ich ohne Gesichtsverlust aus diesem Karriere-Debakel rauskomme. Und dann schreibe ich eine 1000-seitige Autobiographie. Titel: «Wahrheit und nichts als die Wahrheit». Das wird mein Narrativ sein. Kommt eigentlich Narrativ von Narr? Ich bin schon total durcheinander.» Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch
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Dichtestress im Nirgendwo

Dichtestress im Nirgendwo

Endlich Ferien. Ferien in meinem geliebten Mecklenburg. Auf 23’000 Quadratkilometern verlieren sich 1,6 Mio. Einwohner. Weites Land, ewige Felder, bis zum Horizont Baumalleen, Kraniche und Störche in erfreulicher Anzahl und das Alltagstempo spiegelt Beschaulichkeit. Wir, die Einwohner und Touristen kommen uns also normalerweise kaum in die Quere. Mit Stolz verweist die Landesregierung auf die niedrigsten Corona-Infektionen in ganz Deutschland. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich so viele Freunde und Bekannte aus der Schweiz bei uns angemeldet haben. Das Risiko, sich hier anzustecken, ist gleich null. Denn das Corona-Quarantäne-Regime in Meck-Pomm, wie es liebevoll verkürzt wird, war auch das strengste in ganz Deutschland. Die Landesgrenzen wurden dicht gemacht. Auf der Autobahn konnte man im Transit nach Polen oder Brandenburg reisen, aber Abfahren und längere Zwischenstopps waren verboten. Wie damals vor 30 Jahren – nur jetzt mit Bananen und Lidl.

Nun sind die Landesgrenzen wieder offen und Mecklenburg ist so ausgebucht wie noch nie. Plötzlich gibt es Staus, Warteschlangen und Begegnungen an Orten, die eigentlich nur Traktoren kennen. Die Restaurants in den Dörfchen sind voll. Während die Hamburger Innenstadt immer noch leer aussieht, stapeln sich die Besucher an der Ostsee. Als Massnahme gegen diese Touristenschwärme hat man hat ein Ampelsystem eingeführt. Schon weit vor der Anreise wird mit Farben signalisiert, wo noch Platz ist. Bei Gelb, lohnt es sich kaum mehr, das Ziel anzusteuern, bei Rot ist gar kein Betreten mehr möglich. Tagesausflüge sind sogar ganz untersagt. Das müsste man sich mal in der Schweiz vorstellen. Titlis, Rigi, Jungfraujoch oder Bellevue-Quai ohne Tagestouristen. Nur wer mehrtägige Hotelübernachtung nachweisen kann, ist willkommen. Zusätzlich gilt bei der Einreise nach Mecklenburg, dass man nur aus Gegenden und Ländern kommen darf, die nicht mehr als 50 Neuinfektionen auf 100’000 Einwohner pro Tag haben. Massentourismus reloaded: Lieber auf Umsatz verzichten als Viren einschleppen. Trotzdem klappt es nicht ganz. Die ersten Besucher aus der Schweiz haben sich bei uns schon gleich entschuldigt und abgemeldet: Ein Teil der Familie liegt im Hotelzimmer mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett. Genau diese Pechvögel wollten wir nicht hier oben haben.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch

 


 

Arbeiten im Flüsterton

Arbeiten im Flüsterton

Ich liebe meinen Coworking-Space. Jeder, der zum ersten Mal reinkommt, ist überrascht wie schön er eingerichtet ist. Erkläre ich, dass es ein Frauen-Coworking-Space ist, verstehen sofort alle, warum er so eingerichtet ist, als ging es um «Schöner Wohnen» und gleichzeitig kommt die Frage: «Darf ich als Mann da überhaupt rein?» «Ja natürlich, aber nur gewaschen und flüsternd», ist dann meine charmante Antwort.

100’000 Coworking-Plätze sollen in den nächsten Jahren ausserhalb von urbanen Hotspots entstehen. So lautete das Postulat, dass sieben Nationalräte aus allen grossen Parteien vergangene Woche beim Bundesrat eingereicht haben. Der Bund soll diese Form des Arbeitens fördern. Eigentlich eine tolle Idee, denn aus eigener Erfahrung weiss ich, dass meine Entscheidung in einem Coworking-Space zu arbeiten, mein Startup enorm professionalisiert hat. Dank Digitalisierung reichen für etliche Startups ein gutes WLAN, ein Laptop, ein Handy und ein paar clevere Apps und das Remote-Startup kann loslegen.

Man arbeitet vernetzt zusammen, aber nicht gemeinsam von einem Ort aus. Seit COVID-19 wissen etliche die Vorteile des eigenen Homeoffices zu schätzen, aber auch das hat seine Grenzen. Entweder wird der Platz zu knapp oder die Einsamkeit zu gross. In diesem Fall kann man wieder ins normale Office wechseln, aber als Remote-Startup sitzt man dann in Cafés, die zu laut, zu ältlich, zu hässlich oder zu zugig sind. Und das Problem der physischen Meetings ist auch nicht gelöst. Daher sind Coworking-Spaces perfekt. Hinzu kommt noch, dass wir uns untereinander austauschen. Man fragt sich gegenseitig, bekommt Tipps, vernetzt sich, gibt Erfahrungen weiter. Will ich etwas über Trends erfahren, frage ich die Mode-Influencerin am Nebentisch, brauche ich Erklärungen für neue Tools frage ich die blasse Kollegin mit der Nerdbrille und den roten Augen.

Diese moderne Form der Arbeitswelt ist eine grossartige Entwicklung, bleibt in der Regel aber den urbanen Zentren vorbehalten. Daher verstehe ich die Nationalräte, die diese Idee auch in die Regionen und in ländliche Gebiete tragen wollen. Aber ob es dann gleich wieder eine staatliche Förderung braucht, bezweifle ich. Warum können nicht Firmen aktiv werden, die in den Regionen verankert sind. Wie viele Geschäfte stehen leer und könnten mit neuen Konzepten belebt werden? Lasst die Ideen, die Initiativen und den Unternehmergeist wirken und erspart dem Bundesrat die Aufgabe, auch noch hier eingreifen zu müssen. Wir haben schon genug Nanny-Staat.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch

Erschienen in der Handelszeitung Nr. 26, 25.6.2020

 


 

Projekt: «Trumper Media Ldt.»

Projekt: «Trumper Media Ldt.»

Jetzt habe ich die absolute A****-Karte gezogen. @Potus meint, dass ich ihm als sein Chief National Intelligence Social Media Officer, hopp, hopp eine neue Twitterplattform bauen soll. Ich bin doch kein Programmierer! Soll er doch den Zuckerberg oder den Thiel fragen. Oder Putin und seine Trolle. Jetzt wo sich @Potus es mit allen verscherzt hat, ist er wieder am Amoklaufen. Ich hatte mich ja schon vor einem Jahr gefreut, dass Twitter androhte, ihn zu zensieren. Aber, dass ich jetzt derjenige bin, der die Suppe auslöffeln muss, damit hatte ich nicht gerechnet. Was passiert, wenn ihn Twitter ganz sperrt? Und das mitten im Wahlkampf? Könnte er diese defizitäre Plattform nicht einfach als Präsident beschlagnahmen? Ein Versuch wäre es doch wert. Kriegswichtige Erfindung! Oder zwingende militärische Kommunikationsplattform. Ich müsste mal so einen alten Haudegen fragen. Lebt Donald Rumsfeld noch?

So eine asoziale Social-Media-Plattform wäre aber noch eine clevere Erfindung. Alle Diktatoren könnten Lizenzen erwerben und ihre Bevölkerung zwingen, diese App zu installieren. Mit einer Bluetooth Schnittstelle könnten man herausfinden, wer es nicht installiert hat. Und dann unter Gulag-Androhung diejenige tracken, die sich weigern die Botschaften des geliebten Führers zu lesen. Das wäre doch ein Geschäftsmodell. Und natürlich ist die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Nur Likes und Weiterleiten ist möglich. Likes entstehen schon automatisch, wenn die Message aufpoppt. Zensur gibt’s keine. Er darf schreiben und behaupten, was er will. Und natürlich sind Bots als Follower unbeschränkt erlaubt. Als Name für die Plattform würde ihm sicher «Trumper» gefallen. Logo: Sein Profil oder das Twitter-Vögelchen mit blonder Tolle. Das ist natürlich für ihn reserviert. Das Logo würde immer angepasst werden an den jeweiligen Potentaten, der die Lizenz erwirbt. Wir könnten das unter Entwicklungshilfe in den jeweiligen Ländern vertreiben. Jetzt wo wir nicht mehr in der WHO sind, wäre das doch eine gute Tat. 

Am besten wäre es gleich eine Firma zu gründen. Mit Sitz in Delaware und Briefkasten in Washington. Adresse: Weisses Haus. Der Domain-Check sagt, dass «Trumper.media» und «Supertrumper-Media.one» noch frei sind. Das ist doch genial. Ich glaube, ich rufe ihn an und schlage ihm das vor. Schriftliches Konzept bringt nichts. Er liest sowieso nichts. Unglaublich wie kreativ ich heute war…

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch. Kolumne wurde in der Handelszeitung Nr. 23 vom 4. Juni 2020 abgedruckt.

 


 

Nannystaat: Dein Name sei Corona

Nannystaat: Dein Name sei Corona

Letzte Woche war ich bei meiner Coiffeuse. Schon am Telefon hatte sie mir mitgeteilt, dass ich draussen vor der Türe warten müsse, bis sie mir aufmachen würde. Ferner gäbe es nichts zu trinken und nichts zu lesen. Ich müsste eine Maske mitbringen oder könne eine bei ihr erwerben. Meine selbstgenähte Maske ginge nicht. So weit so schlecht. Zum Coiffeur gehe ich zweimal im Jahr und es ist für mich etwas Besonderes. Es ist eine Form von Wellness. Es dauert auch entsprechend lang und hat seinen Preis.

Was dann aber folgte, war eine mittlere Tortur. Mit den Gummihandschuhen verhedderte sich meine arme Coiffeuse dauernd in meinen langen Haaren und riss an ihnen. Ich war kurz davor, die Übung abzubrechen. Nach drei Stunden war das Drama zu Ende und ich habe mir geschworen, dass ich nicht mehr zum Coiffeur gehe, so lange das Corona-Panik-Regime verordnet ist. Das BAG, das alle diese Vorgaben gemacht hat, damit Coiffeure wieder aufmachen dürfen, sind ausgerissene Haare wurscht. Aber meiner Coiffeuse war es peinlich und mich hat es geärgert.

So wird es vielen gehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass inzwischen Menschen auf die Strasse gehen, die daran erinnern, dass die Freiheit des mündigen Bürgers über den überdrehten und planlosen Massnahmen von Beamten steht. Sicher ist es wichtig, dass der Staat zu seinen Bürgern schaut und sie schützt. Aber jetzt kippt es in eine unerträgliche Bevormundung. Wie nun Wirte ihre Beizen eröffnen oder Coiffeure die Haare pflegen, sollte nicht bis in jedes Detail von BAG-Beamten vorgegeben werden.

Ob wir nun durch eine digitale Blockwart-App wie dieses Tracing- oder Tracking-System zu mehr Sicherheit kommen, ist ungewiss. Was nutzt es mir zu wissen, dass ich in der Nähe von einem Infizierten war, ausser dass es mich in Panik versetzt? Panik ist kein guter Ratgeber. Das nährt nur Phobien, befeuert Verschwörungstheorien und provoziert Trotzreaktionen. Besser wäre es auf die Mündigkeit der Bevölkerung zu setzen als den Nannystaat zu zementieren. Das Virus wird gefährlich bleiben, solange es keinen Impfstoff gibt. Also braucht es mehr Distanz untereinander, aber das soll jeder selber regeln. Dass zwei Meter genügen, weiss inzwischen jeder. Dass Massenveranstaltungen und Begrüssungsküsschen ungesund sind, wissen wir auch. Masken tragen ist okay. Aber es darf kein Thema sein, dass sechs oder sieben Jugendliche zusammenstehen und rumblödeln oder meine Coiffeuse mir ohne Gummihandschuhe die Haare pflegt.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch

Erschienen in der Handelszeitung Nr. 20 vom 14. Mai 2020

 


 

Kevin Home Alone

Kevin Home Alone

Ist ihr Chef auch so ein digitaler Kevin? Ja, ich weiss, es ist gemein, diesen Namen so zu missbrauchen und ich kenne auch einen Kevin, der ist Astrophysiker. Aber so ist es eben. Jede Zeit hat Stellvertreternamen für ihre Dödel.

Also: Kevin rennt jeden Tag trotz verordnetem Homeoffice in die Firma und sitzt dort herum. Er weigert sich beharrlich, mit Remote-Tools zu arbeiten. Video-Konferenzen sind ihm ein Gräuel, weil er nicht weiss, wie es geht und er zu eitel ist, zu fragen. Sich mit seinem Laptop mit anderen über Plattformen wie Slack oder Trello auszutauschen, wäre sein Albtraum. Denn er kann es nicht und will es auch nicht lernen. Lieber gibt sich Kevin keine Blösse, sondern kultiviert die Mär vom unermüdlichen Einsatz des Chefs für die Firma. Denn einer muss ja noch vor Ort sein und die Stellung halten. Und das am besten mit Dauerpräsenz. So weit, so gut, denn wäre er allein in der Beletage, wäre das ja auch eine Form von Quarantäne.

Aber so funktioniert die Corporate-Ebene nicht. Der Chef braucht seinen Stab vor Ort. Und das wissen alle, die das Prinzip der «Karriere Sau» von Adel Abdel-Latif verinnerlicht haben. Also sind auch alle Ehrgeizlinge um den Chef herum. Homeoffice ist was für Weicheier. Diejenigen, die nach oben wollen, stehen stramm beim Chef.

Wunderbar, endlich ist die harte Truppe um den Digial-Dino versammelt und sie könnten in Ruhe arbeiten. Nur fehlen leider die Untergebenen, die man sonst den ganzen lieben Tag lang mit Geschwätz und Nullrelevanz-Aufgaben beschäftigen kann. Die sind nämlich brav im Homeoffice, üben das horizontal vernetzte Arbeiten mit digitalen Tools und bemerken schnell, welche Abläufe innerhalb von alten Organisationsstrukturen durch die Digitalisierung verbessert werden können. Sie vermissen keine Sekunde die vertikalen Strukturen, die Hierarchie, die Lehmschichten, die alles mühsam und undurchlässig machen. So ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Befragungen zur Mitarbeiterzufriedenheit beim Thema Homeoffice recht positiv ausfallen. Vorausgesetzt, man hat nicht Klein- oder Schulkinder zusätzlich zu betreuen.

Also was machen unsere Kevin-Dino-Getreuen nun so alleine? Sie schreiben Konzepte. Konzepte für die Zeit nach Corona. Konzepte, wo die Corporate-Etage noch Systemrelevanz hätte, aber in Tat und Wahrheit geht es auch ohne sie.

Erschienen in der Handelszeitung, Nr. 17, 23.4.2020


 

Crowdfunding: Masken für alle

Crowdfunding: Masken für alle

Carole und ich haben ein Crowdfunding aufgesetzt bei Crowdify. Wir wollen Schutzmasken für alle finanzieren, um so gegen Wucher und Mangel vorzugehen. Wenn Du hochwertige Schutzmasken vom Typ KN95 auch bekannt unter FPP2 suchst, mach bei unserem Crowdfunding mit. Hier geht es zum Link: https://www.crowdify.net/de/projekt/masken-fuer-alle

Danke für Deine Mithilfe und danke dass Du Dich und andere schützt mit dem Tragen von Schutzmasken. Das ist echt klug von Dir.

Bleib gesund
Deine Carole und Riccarda

http://maskenfueralle.ch.marissa.ch-meta.net


 

Davos off the record

Davos off the record

Ort: Davos, oberhalb der Schatzalp. Eine Parkbank mit Blick auf das Städtchen. Zwei Personen treffen sich dort. Sie, graubraune Strickmütze, selbst gestrickter Schal, Patagonia-Parka. Er mit Canada-Goose-Wintermantel samt Kojotenfell. 

Er: «Danke, dass du gekommen bist. Dachte schon, dass es nicht klappt, weil du mich verachtest.» Sie: «Weil du für den Typen arbeitest?» «Ja.» «Also Mitleid kannst Du von mir nicht erwarten. Die CO2-Bilanz von deinem Chef ist ja auch grauenvoll. Gleich mit vier Flugzeugen anzureisen.» «Naja, das ist das Protokoll. Das geht nicht anders. Aber bist du wirklich die Social-Media-Verantwortliche von Greta?» «Ja. Also sie schreibt das meiste selber, ich versuche nur, das Schlimmste zu verhindern oder zu löschen.» «Echt, das kommt mir bekannt vor. Das mache ich für Potus auch. Totaler Frustjob. Keiner nimmt einen ernst.» «Und Du kannst so einfach mit mir darüber reden?» «Ich bin ja kein Geheimnisträger, sondern Teil der Putztruppe. Du hast es leichter. Der Welpenschutz, den Greta hat, entschärft alles was, sie sagt. Aber ich mit meinem Narzissten mit Pinocchio-Nase.» «Dann wechsle doch den Job.» «Chancenlos. Mit diesem Track-Record nimmt mich keiner.» «Doch Kim Jong-Un.» «Scheitert an meinem Koreanisch. Aber im Ernst. Da hast du es besser.» «Nicht unbedingt. Was glaubst du, wie mühsam es ist, mit so einer spassbefreiten Truppe tagelang in Zügen, Bussen und zu Fuss unterwegs zu sein. Und ständig die Leute über die Medien zu erziehen und die Moralkeule zu schwingen. Ich warne die ganze Zeit, dass wir über das Ziel hinausschiessen mit diesen missionarischen Reden, Drohungen, Ultimaten mit ’how dare you’ oder ’I want you to feel panic’. Aber auf mich hört auch keiner. Irgendeiner hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen. Und davon sind wir nicht mehr weit entfernt.» «Ich wünschte mir, wir könnten die beiden samt den Journalisten Social-Media-mässig unpluggen. Was glaubst du wie entspannt und kontrolliert die Kommunikationsarbeit wieder wäre. Es gäbe vielleicht noch ein paar chaotische Pressekonferenzen, also zumindest auf Potus‘ Seiten, aber dann liefe alles durch kontrollierte Kanäle.» «Träum weiter. Ich muss zurück und noch etwas Empörungsbewirtschaftung betreiben.» «Darf ich dich auf einen Drink einladen?» «Nur wenn du diese Winterjacke gegen was Selbstgestricktes austauscht.»

Erschienen Handelszeitung N. 5, 30. Januar 2020