Empathie-Künstler gesucht

Empathie-Künstler gesucht

«Er startete als Genie und endete als Talent», ist eine Floskel, die man gerne fallen lässt, um einem Unliebsamen den Todesstoss zu verpassen. Der Fall ist tief und der Hohn ist süss. Dabei wären die meisten Unternehmen schon froh, wenn sie die Talente hätten, die sie händeringend suchen. Lieber ein gefallenes Genie, als gar kein Talent. So der sarkastische Umkehrschluss. Doch warum gibt es so viele Unternehmen, die Talente rausekeln oder ziehen lassen? Weil sie meinen, sie können es sich leisten, ist die simple Antwort. Weil sie meinen, sie bekommen ratzfatz, wieder ein neues, junges Talent oder sogar Genie.

Das war mal so und ist noch heute die überoptimistische Annahme der HR-Chefs, aber die Zeiten sind vorbei. Heerscharen von Babyboomern gehen, haben genug Geld verdient oder sind zu früh ausgemustert worden und sind jetzt zu teuer für eine Nachqualifikation. Und der Nachwuchs ist knapp. Der COVID-Lockdown hat die Situation etwas vernebelt, weil wir im Krisenmodus waren. Aber die Wirtschaft wird sich schnell erholen. Am Flughafen ballen sich die Reiselustigen, die Kauffreude ist wieder da, die Restaurants sind voll. Und die Wirtschaftsprognosen zeigen nach oben, auch wenn die Berufspessimisten meinen, es wird noch ganz, ganz schlimm. Aber das ist einfach ihr Berufsethos, der sich in diesen Szenarien widerspiegelt. Das Drama ist in Wahrheit der Arbeitskräftemangel, der unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand bedroht. Ein Blick nach Deutschland zeigt, was für ein gravierender Fachkräftemangel sich ausbreitet.

Also sind wir mal besser gnädig mit den gefallenen Genies, den höchstens in Teilzeit Arbeitswilligen, den Schwierigen, den bescheidenen Fleissigen, den Ambitionslosen und jenen mit der freizeitorierentierten Schonhaltung. Ob Frauen oder Männer. Wir werden sie alle brauchen. Denn jetzt beginnt ein neues, spannendes Experiment in unserem Wirtschaftsleben, das so noch nie gab: Wenn viele viel konsumieren wollen, aber zu wenige bereit sind, diese Bedürfnisse zu erfüllen und die Digitalisierung sowie die Automation diese Lücken nicht füllen werden. Die künftigen Superhelden der Chefetage werden die Motivations- und Empathiekünstler sein, früher auch mal Menschenfischer genannt, die es schaffen, aus Ambitionslosen Talente zu machen und diese zu halten.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin Verband Frauenunternehmen, Founder What the Hack


Ausnahmsweise mal in eigener Sache

Wer schon immer mal wissen wollte, wie ich mein erstes Geld verdient und sofort wieder ausgegeben habe, erfährt es im Bilanz-Interview. Die Fragen stellte Bilanz-Redaktorin Anne-Barbara Luft und das schöne Foto hat die Fotografin Ruxi Balea gemacht.


HR im Koma

HR im Koma

Die junge Frau mit der ich zusammensass, erzählte mir, dass ihre Firma ihren Antrag auf Unterstützung ihrer Weiterbildung abgelehnt hatte. Sie liess sich in ihrer Freizeit gerade umfangreich in Coaching und Leadership weiterbilden, um für eine Führungsfunktion gut gerüstet zu sein. Die HR-Abteilung lehnte ihren Antrag ab, weil ja dann jeder kommen könnte, um für eine Coaching-Ausbildung anzufragen. Die junge Frau ist im besten Alter und hoch motiviert für eine Führungsposition, aber die HR-Abteilung scheint nicht ganz im Heute angekommen zu sein. Selbst das World Economic Forum unterstreicht, dass Führung heute mehr mit Kooperation, mehr Coach als Boss und mit emotionaler Intelligenz zu tun hat, als das «par ordre du mufti» der Vergangenheit. Doch das überfordert die firmeneigenen Personaler anscheinend. Die HR-Verantwortlichen kommen nicht einmal auf die Idee, ihr eine Alternative für die Karriereentwicklung vorzuschlagen. Es kam gar nichts, ausser dem Njet. Die vielen Schlagzeilen und Zitate in den Medien, dass man dringend weibliche, ambitionierte Talente in der Wirtschaft sucht, denken sich die Journalisten offenbar nur aus.
 
In Tat und Wahrheit passiert in vielen HR-Abteilungen so gut wie gar nichts, ausser dass sie sich jetzt beschweren, weil sie seit neustem  Tiktok-Videos von Bewerbern erhalten statt Lebensläufe. Oder sind Sie schon einmal von ihrem HR-Chef mit einem Vorschlag überrascht worden, wie man Lohnungleichheit im Unternehmen eliminieren könnte. So ganz von sich aus, ohne Befehl von oben?
 
Natürlich könnte man jetzt auch den Spiess umdrehen und fragen: Warum haben Sie als CEO und als VRP nicht die Personalverantwortlichen aufgefordert ein Strategiepapier zu entwickeln, wie im Unternehmen Lohnungleichheit künftig verhindert und die bestehenden Fälle korrigiert werden könnten? Im schlimmsten Fall hätten Sie geantwortet: Ich traue es den HR-Verantwortlichen nicht zu, etwas Vernünftiges zu entwickeln. Nun, die Tatenlosigkeit vom obersten Management und vom HR hat jetzt eine Verschärfung des Gleichstellungsgesetzes zu Folge. Die Vorschriften nehmen zu, die Administration und der Aufwand steigen, und natürlich auch wieder das Gemecker über den Staat, der sich überall einmischt. Das hätte man verhindern können, wenn man diese Form der Ungerechtigkeit nicht schamlos ausgenutzt hätte, um Frauen als günstige Arbeitskräfte zu missbrauchen.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch


Das Backpulver der Moralisierung

Das Backpulver der Moralisierung

Cancel Culture, Gendern, Gesetzesverschärfungen gegen Medien durch den Nationalrat, Anti-Terror-Gesetze gegen 12jährige, CO2- und Veganismus-Meinungsterror, Pandemie-Missmanagement, Rahmenabkommen-Erpressung, Friday-for-Future-Reload, Dubler Mohrenköpfe und noch ein paar weitere Begriffe, rumoren mir im Kopf herum. Das klingt so wahllos aneinander gereiht ziemlich wirr. Aber es gibt dazu einen Oberbegriff. Und dieser heisst: Freiheit.

Darf man sich die vermeintliche Freiheit herausnehmen, jemand mundtot zu machen und ihre Karriere zu beenden, nur weil diese Person eine andere Haltung zu bestimmten Themen hat und diese kundtut? Ich rede dabei nicht von der «Man-darf-doch-wohl-noch-sagen»-Attitüde. Sondern von einer Haltung, die intellektuell anständig vertreten und gestern noch normativ akzeptiert wurde.

Muss ein Käs-Lädeli Dubler Mohrenköpfe aus dem Sortiment nehmen, weil ein paar Kunden Amok laufen? Muss man Kindern indoktrinierend beibringen, wie man richtig gendert und sei es auf Kosten der Sprachkultur? Gibt es Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Pressefreiheit, Forschungs- und Veröffentlichungsfreiheit nur noch für diejenigen, welche die Befindlichkeitsexegese richtig bewirtschaften? Ist das unsere Freiheit?

Wenn der Nannystaat noch mehr in den freien Markt und ins Wirtschaftsleben eingreift, sind die nächsten Katastrophen garantiert. Denn der Nannystaat kann im besten Fall verwalten, aber keine Krise stemmen. Siehe BAG: Jährliche Antiraucher und Anti-HIV Kampagnen konnte man im Beamtenmodus hinbekommen. Eine Pandemie, sprich Krise, zu managen, hat die Behörde überfordert.

Das Backpulver der Moralisierung ist heute CO2. Das geht soweit, dass dieses Mantra sogar beim Kinderbekommen geleiert wird: Kinder auf die Welt zu bringen, sollte man unterlassen, um die CO2 Bilanz zu verbessern.

Ich will hier keine Lösung skizzieren, aber ich will, dass wir ganz kurz über das Thema Freiheit nachdenken: Sie ist ein kostbarstes Gut. Aus Freiheit resultiert Selbstverantwortung. Die persönliche Verantwortung ist eine permanente Herausforderung an unseren Mut, unseren Intellekt und unser Herz. Aber die Verantwortung braucht die Freiheit um die besten Lösungen zu entwickeln. Schränken wir diese Freiheit ein, weil wir zu viel Furcht vor der Verantwortung und vor den Gesinnungsideologen haben, werden wir kleinmütig. Und auf diesem Weg sind wir leider.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch

Diese Kolumne ist am 27. Mai 2021 in der Handelszeitung erschienen.



Generationenvertrag ohne Solidarität

Generationenvertrag ohne Solidarität

Das ältere Ehepaar stand mir auf den Füssen. Ich bat sie, Abstand zu halten. Er nuschelte durch seine Maske, sie seien geimpft. Ich sagte, ich bin es nicht. Daraufhin die Gattin: Ach sie hat Angst. Er professoral: Er würde sich auskennen, sie seien nicht mehr Überträger. Ich reagierte trocken: Das Einzige was ich bei ihm auf der Stirn geschrieben erkenne, wäre das Wort Arroganz. Dann hatte ich endlich Abstand.

Eine hässliche Szene, aber Alltag in der Schweiz. Wir öffnen, und die Geimpften sehen sich als die Privilegierten. Es ist mehrheitlich die Rentnergeneration, die geimpft ist. Und das darf man doch ausspielen. Oder? Mir geistert das Wort Generationenvertrag durch den Kopf. Es ist ein fiktiver Vertrag, nirgends niedergeschrieben, aber als gesellschaftliche Grundlage bei uns verankert: Die Jungen sorgen für die Alten.

«Den Alten gehört die Zukunft», titelte vor kurzem die NZZ. Und in meinem Kopf drehte sich das Wort «Generationenvertrag» zu «Generationenkonflikt». Es ist eine Tatsache, dass die junge Generation – insbesondere die Schulkinder – in der Pandemie einen sehr hohen Preis zahlen muss für die Rücksichtnahme auf den älteren Bevölkerungsteil, der bei uns zahlenmässig der Grösste ist.

Die Mehrheit bestimmt. Auch das ist ein tief verankertes Gerechtigkeitsprinzip. Stimmt dieses Prinzip immer noch, wenn Kindern und Jugendlichen der Start in die Zukunft verbaut wird? Wenn sie kaum Präsenzunterricht haben und ihre Ausbildungen stocken? Ist es fair, wenn die junge Generation den Müll und die Schuldenlast der vorherigen Generation übernehmen muss? Hinterlässt ein Verwandter einem Schulden, kann man das Erbe ausschlagen. Aber was machen die Jugendlichen mit dem Erbe, dass wir ihnen hinterlassen? Ausschlagen geht nicht. Wir regen uns auf, wenn Jugendliche im pubertären Überschwang Littering betreiben; sind aber eigentlich kein bisschen besser. Wir kaschieren es nur eleganter. Niemand sieht bei Abstimmungen, wie man abgestimmt hat, wenn es wieder um AHV-Revisionen geht. Schützt man sein eigenes Interesse und Wohlergehen, oder denkt man solidarisch an die nachfolgenden Generationen? Unsere Blickrichtung, unsere Verantwortung muss sich dringend auf die junge Generation fokussieren. Die mangelnde Nachhaltigkeit und Weitsicht unserer vergangenen Entscheidungen trägt keine goldenen Früchte.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch


Scharfer Schnitt

Scharfer Schnitt

Endstation bei Hiob: Nur ein kleiner Teil der ausgemusterten Scheren, Pinzetten, Klammern, die durch Einwegmaterial ersetzt werden, die viel Geld kosten.

«Operation Senegal» heisst das Projekt, das ich seit ein paar Wochen begleite. Die engagierte Frau, die ich bei ihrem Crowdfunding-Projekt berate, möchte am Stadtrand von Dakar in einem Armenspital einen OP-Saal für die Maternité einrichten. Jedes Jahr sterben dutzende von Müttern, weil es Geburtskomplikationen gibt. Die Crowdfunderin, eine Pflegefachfrau, kennt die Rahmenbedingungen vor Ort. Ich mag engagierte Menschen. Es ist nicht nur für meine Kunden ein kleines Abenteuer ein Crowdfunding zu machen, sondern auch ich lerne jedes Mal etwas Neues hinzu. Diesmal war es eine an Schwachsinn grenzende Erste-Welt-Verschwendung:

Als sich abzeichnete, dass wir die benötigte Summe nicht zusammen bekommen, haben wir Kontakt mit der Organisation Hiob aufgenommen. Bei Hiob landen die ausgemusterten Spitalausstattungen der Schweiz. Alle Geräte, Materialien, Ausrüstungen, die Spitäler nicht mehr benutzen, findet man dort. Zum Beispiel: Ein Regal voll mit Sterilisationsapparaten. Denn, so lautete die Begründung auf mein Nachfragen hin, das Sterilisieren lohne sich nicht, da die Personalkosten in der Schweiz dafür zu hoch seien. Deswegen werden inzwischen nur noch Einweg-Scheren, -Pinzetten, -Zangen, -Spachtel etc. benutzt. Und nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Ergo waren in den Lagerhallen der Organisation wäschekörbeweise ausgemusterte Scheren, Pinzetten, Zangen in allen Grössen und Formen zu finden. Beeindruckt von dieser Menge, fragte ich bei meiner Hausärztin nach, wie sie es mit dem Sterilisieren und Wiederverwenden bei sich in der Praxis halte. Die Antwort war ernüchternd: Ja, sie sterilisieren noch alles. Aber die Arbeit des Sterilisierens wird nicht vergütet. Würde sie hingegen eine Einwegschere benutzen, könnte sie das als Aufwand bei der Krankenkasse als Taxpunkt abrechnen. Sie zeigte mir ein Muster von einer Wegwerfschere, die sie von einem Vertreter bekommen hatte. Ein hochwertiges Produkt, rostfreier Stahl, steril verpackt. Made in Pakistan, war auf dem Etikett zu lesen. Diese Schere hat einiges an Energie und Stahl gekostet, wurde steril verpackt in die Schweiz transportiert, um dann nach ein paar Schnitten im Müll zu landen. Einfach weil man es abrechnen kann. Weil unser System so ist. Falls Sie sich wundern, warum die Krankenkassenprämien steigen, schauen Sie mal bei Hiob vorbei.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch


Ein OP-Saal um Mütter zu retten

Letzten Oktober kam Rosaria Mazzillo auf mich zu und fragte nach Unterstützung für ihre Crowdfunding Idee. Sie war vor Jahren mit dem Centre de Santé Golf Sud in Kontakt gekommen. Das ist ein Armenspital am Stadtrand von Dakar. Als Pflegefachfrau bekam sie schnell Kontakt und Einblick zu den Ärztinnen und Pflegenden. Durch das Gespräch mit der Chefhebamme, erfuhr Rosaria, dass im Spital leider eine zu hohe Anzahl von Müttern bei der Geburt sterben, weil es Komplikationen gibt. Im Spital fehlt ein OP-Saal. Die Räume sind samt Anschlüsse da, aber die Ausstattung fehlt. Das Spital kann diese Beträge nicht erwirtschaften um einen OP-Saal einzurichten. Deswegen nahm Rosaria dieses Problem an und setzte ein Crowdfunding auf. Hier ist der Link zum Unterstützen: Ein OP-Saal um Mütter zu retten

Und im Video erklärt sie mehr zum Projekt. Danke für jede Hilfe.


Helvetia ruft: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht

Helvetia ruft: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht

Als die Schweizerinnen zum ersten Mal abstimmen durften, war ich 5. Als ich in die Schweiz kam, war ich 22. Mit 30 wurde ich Geschäftsführerin eines Zeitschriften- und Buchverlages in Aarau. Mit 33 sass ich in der Unternehmensleitung. Mit 37 wurde ich in den ersten Verwaltungsrat gewählt, mit 39 war ich CEO und Verwaltungsrätin in mehreren ausländischen Firmen. Das klingt jetzt etwas sehr platt und peinlich als Einstieg. Aber es soll verdeutlichen, dass mich Traditionen, Strukturen und gesellschaftliche Korsette herzlich wenig interessiert haben. Ich habe die Chancen wahrgenommen, die sich boten. Habe «Ja» gesagt, statt: «Oh, ich glaube, das kann ich nicht.» Wenn ich immer ängstlich gedacht hätte, die Schweiz ist konservativ und Frauenkarrieren gegenüber feindlich – ich wäre nirgendwo gelandet. Der Fokus ist entscheidend. Sehe ich nur die Probleme oder sehe ich die Chance? Habe ich eine Idee von mir, wer ich sein will, ist die Richtung klar. Das Ziel kann sich im Laufe des Lebens ändern, aber ich bleibe mir treu. Sich treu bleiben und beruflich wie gesellschaftlich verwirklichen, wünsche ich allen Frauen hier in der Schweiz. Insbesondere den Jüngeren, denn es gibt inzwischen genügend gute Rollenvorbilder, denen man nacheifern kann. Die daraus resultierende Befriedigung und der Stolz auf sich, wenn man was erreicht hat, kann einem niemand nehmen. 

Daher ist das 50 Jahre Jubiläum zum Frauenstimmrecht eine respektvolle Referenz an die Frauengenerationen, die das erkämpft haben. Aber das Jubiläum hat nichts mit der heutigen Generation zu tun. Denn daraus kommt keine Kraft und Energie für die Herausforderungen, die sich uns jetzt stellen. Es ist eher ein Menetekel, eine Warnung, was passiert, wenn eine vormals moderne Gesellschaft (Einführung der direkten Demokratie 1848) stehen bleibt und sich auf ihren Lorbeeren (Abstimmen dürfen nur Männer) ausruht. Deswegen meine nächste Provokation: Wenn sich das Leben nur noch um die persönliche Fitness und den dellenfreien Po für das Instagram-Profil dreht, dann muss man sich nicht wundern, wenn es mit der seriösen Karriere, mit der Übertragung von Verantwortung und somit auch Macht, hapert. Karriere zu machen, heisst sich in den Wettbewerb mit Wissen, Fähigkeiten, Ausdauer und Durchsetzung zu werfen. Wer das scheut, wer das nicht will, weil man sich nur mit sich selbst beschäftigen möchte, darf sich nicht beschweren, wenn sich karrieremässig auch da nichts bewegt. Einen Jagdhund, den man zur Jagd tragen muss, braucht man nicht. 

Ein Beispiel zu diesem Thema: AllianceF ist die grösste und wichtigste politische Interessenvertretung für die Anliegen von Frauen zum Thema Gleichberechtigung. Der Dachverband will das Jubiläum zum Frauenstimmrecht mit einem Event am 1. August auf dem Rütli feiern. Dieser historische Ort ist sehr passend, um an die direkte Demokratie zu erinnern, die nur den Männern zustand. Wäre das jetzt die einzige Feierlichkeit, die sich AllianceF ausgedacht hätte, wäre ich enttäuscht, denn da passiert nichts. Es wäre ein typischer Mimimi-Anlass. Absolut grossartig finde ich hingehend die Initiative, die AllianceF gestartet hat, um Hatespeech zu stoppen. Sie programmieren einen «Bot Dog» der sexistische und erniedrigende Kommentare in Social Media und in Online-Medien aufspürt. Damit wollen sie aufzeigen, mit welchem Hass Frauen im Netz konfrontiert sind und es wird Counter Speech dagegen eingesetzt. Die Programmierung des Algorithmus läuft und der «Bot Dog» wird realisiert. Das ist der Weg, von dem ich spreche. Die engagierten Frauen von AllianceF fokussieren sich nicht auf die beschämende Vergangenheit, sondern arbeiten an einer besseren, gleichberechtigten Zukunft. Helvetia ruft. Feiern wir unsere Grossmütter und Mütter. Aber engagieren wir uns weiter mit Ehrgeiz, Kreativität, Unternehmertum und Weitsicht, damit wiederum unsere Enkeltöchter stolz auf unsere Frauengenerationen sein können. 

Riccarda Mecklenburg, designierte Präsidentin vom Verband Frauenunternehmen VFU, Inhaberin von CrowdConsul, Founder von What the Hack, Stiftungsrätin Zürcher Journalistenpreis wohnt in Weiningen bei Zürich. Der Artikel ist in Ladies Drive erschienen:


Lehrlinge in Not

Lehrlinge in Not

«Habe meine Lehrstelle wegen Corona verloren, was soll ich tun?» fragte ich die Suchmaschine Google, um zu erfahren, welchen Rat ich erhalte, wenn ich diesen Hilferuf eingebe. Wohlgemerkt, ich habe diese Suchanfrage aus der Schweiz gestartet. Auf der ersten Seite wurden mir fünf Artikel von verschiedenen Print-Medien angezeigt, dann folgte ein Ergebnis von der deutschen Gewerkschaft Verdi zum Thema: «COVID und Jobverlust», dann etwas von einem deutschen Ausbildungsportal für Lehrlinge und als letzter Link etwas vom vpod.ch von Mai 2020: «Deine Rechte in der Ausbildung». Corona und Berufsbildung scheinen in der Schweiz kein Problem zu sein. Oder, wie soll man das verstehen, dass keine Behörde, kein RAV, kein Verband, keine Gewerkschaft dazu aktiv im Netz Hilfe anbietet? 

Wie anders tönen die Gespräche der Freunden meiner Jungs: «Der X hat seine Lehrstelle verloren, weil der Betrieb pleite ist.» Und: «Wenn er nicht innerhalb von drei Monaten eine neue Lehrstelle findet, muss er die Berufsschule verlassen.» Oder: «Die Y wollte gerne schnuppern gehen, aber kommt nirgendwo rein.» Oder: «Der Kollege mit der so coolen Lehrstelle ist auf Kurzarbeit und erhält kein Geld.» «Der andere Kollege ist im Homeoffice und verzockt die Zeit, weil er nichts zu tun hat.» Aha. Die Liste lässt sich beliebig vorsetzen: Die Angst, keine Lehrstelle zu finden, vom Lehrbetrieb nicht übernommen zu werden, obwohl es einem in Aussicht gestellt wurde, die Sorgen, sich nicht richtig für die Prüfungen vorbereiten zu können, sind schmerzhafte Realität geworden!

Ein bitterer Nachgeschmack entsteht, wenn man realisiert, dass die junge Generation die Schuldenberge der Pandemie bezahlen muss. Der momentane Fokus konzentriert sich auf die Menschen, die schon lange das Erwerbsleben hinter sich haben oder in der Pflege Höchstleistung erbringen müssen. Das ist sicher richtig. Aber den ganz harten Preis zahlen die Kinder und insbesondere die Jugendlichen. Ihr soziales Leben läuft auf Sparflamme, sie sind im Home Schooling auf sich gestellt, die Ausbildungsaussichten haben sich verschlechtert und mit ihren Sorgen und Nöten werden sie – bestenfalls – zu überlasteten Psychotherapeuten geschickt. Fünf Jahre lang werden die Folgen der Coronakrise in der dualen Berufsbildung zu spüren sein, ist die Erkenntnis aus einer neuen Studie der Universitäten Bern und Zürich. Wie schlimm muss es noch werden, damit diese Lockdown-Politik aufhört?

Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul 

Die Kolumne erschien in der Handelszeitung vom 25. Februar 2021


Clubhouse: So geht Social Media

Clubhouse: So geht Social Media

Seit Tagen bewege ich mich nur noch mit einem Apple-Gerät und Ohrstöpsel durch die Gegend. Ich höre Leuten aus der ganzen Welt zu, wie sie sich in der neuen App Clubhouse über Gott und die Welt unterhalten. Wenn mich jemand anspricht, winke ich energisch ab. Ich will nicht gestört werden. Es ist ein Erlebnis Menschen zuzuhören, die man manchmal kennt, häufig nicht, und man sich trotzdem angesprochen fühlt. Man muss nur das Händchen auf dem Bildschirm antippen und schon wird man aus dem Zuhörerraum auf die Moderatoren-Ebene geholt und kann mitreden, Fragen stellen oder seine Expertise einbringen. Alle Gespräche sind höflich, freundlich, interessiert. So geht Social Media, wie es sich wohl Zuckerberg oder Dorsey ursprünglich gewünscht haben. Aber bei ihnen hat sich – gelinde gesagt – die Büchse der Pandora geöffnet. 

Das Faszinierende – neben der Gesprächskultur – ist das demokratische Mitreden. Wer etwas besprechen möchte, eröffnet einen Raum, setzt eine Uhrzeit, organisiert bestenfalls noch zwei Co-Moderatoren und los geht es. Hörer kommen garantiert oder man lädt sie vorher ein. Einzige Voraussetzung ist ein Apple-Gerät und eine Einladung von jemand, der eine Clubhouse-Membership hat. 

Die Android-Welt wird momentan noch ausgesperrt, weil das App eine Betaversion und somit wirklich brandneu ist. Aber es schlägt bereits Wellen, wie seit Jahren kein zweites App. Unsere Isolation in der Pandemie beschleunigt wahrscheinlich den Erfolg. Unmengen von Menschen haben Zeit und Langeweile. Hungern nach Austausch und Aufmerksamkeit. Wie perfekt ist da ein App, wo nur die Stimme und das Gesagte wichtig sind. Ein urdemokratischer Podcast zum Mitreden. Flache Hierarchien, kein CEO-Townhall-Gedönse mit PowerPoint, kein Zoom-Meeting mit gequält geheucheltem Interesse. Gespräche auf Augenhöhe, so wie es New Work verspricht. Neulinge sind an der Konfettikanone in ihrem Profilbild zu erkennen. Das ist das Signal für den Welpenschutz. 

Jetzt wird im Clubhouse gerade experimentiert. Seien Sie nicht überrascht, wenn bald Ihr Kommunikations- oder PR-Experte auf Sie zu kommt und vorschlägt, dass Sie dringend ihre Expertise in diesem oder jenem Talk einbringen müssen, um ihre Profilierung zu unterstreichen. Spätestens dann hat die neue Plattform ihre Unschuld verloren. Geniessen wir sie noch verspielt und unverdorben.

Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Co-Moderatorin «1-Satz-Literaturclub» auf Clubhouse

veröffentlicht in der Handelszeitung 4. Februar 2021 https://www.handelszeitung.ch/panorama/clubhouse-so-geht-social-media?utm_source=mail