Generationenvertrag ohne Solidarität

Generationenvertrag ohne Solidarität

Das ältere Ehepaar stand mir auf den Füssen. Ich bat sie, Abstand zu halten. Er nuschelte durch seine Maske, sie seien geimpft. Ich sagte, ich bin es nicht. Daraufhin die Gattin: Ach sie hat Angst. Er professoral: Er würde sich auskennen, sie seien nicht mehr Überträger. Ich reagierte trocken: Das Einzige was ich bei ihm auf der Stirn geschrieben erkenne, wäre das Wort Arroganz. Dann hatte ich endlich Abstand.

Eine hässliche Szene, aber Alltag in der Schweiz. Wir öffnen, und die Geimpften sehen sich als die Privilegierten. Es ist mehrheitlich die Rentnergeneration, die geimpft ist. Und das darf man doch ausspielen. Oder? Mir geistert das Wort Generationenvertrag durch den Kopf. Es ist ein fiktiver Vertrag, nirgends niedergeschrieben, aber als gesellschaftliche Grundlage bei uns verankert: Die Jungen sorgen für die Alten.

«Den Alten gehört die Zukunft», titelte vor kurzem die NZZ. Und in meinem Kopf drehte sich das Wort «Generationenvertrag» zu «Generationenkonflikt». Es ist eine Tatsache, dass die junge Generation – insbesondere die Schulkinder – in der Pandemie einen sehr hohen Preis zahlen muss für die Rücksichtnahme auf den älteren Bevölkerungsteil, der bei uns zahlenmässig der Grösste ist.

Die Mehrheit bestimmt. Auch das ist ein tief verankertes Gerechtigkeitsprinzip. Stimmt dieses Prinzip immer noch, wenn Kindern und Jugendlichen der Start in die Zukunft verbaut wird? Wenn sie kaum Präsenzunterricht haben und ihre Ausbildungen stocken? Ist es fair, wenn die junge Generation den Müll und die Schuldenlast der vorherigen Generation übernehmen muss? Hinterlässt ein Verwandter einem Schulden, kann man das Erbe ausschlagen. Aber was machen die Jugendlichen mit dem Erbe, dass wir ihnen hinterlassen? Ausschlagen geht nicht. Wir regen uns auf, wenn Jugendliche im pubertären Überschwang Littering betreiben; sind aber eigentlich kein bisschen besser. Wir kaschieren es nur eleganter. Niemand sieht bei Abstimmungen, wie man abgestimmt hat, wenn es wieder um AHV-Revisionen geht. Schützt man sein eigenes Interesse und Wohlergehen, oder denkt man solidarisch an die nachfolgenden Generationen? Unsere Blickrichtung, unsere Verantwortung muss sich dringend auf die junge Generation fokussieren. Die mangelnde Nachhaltigkeit und Weitsicht unserer vergangenen Entscheidungen trägt keine goldenen Früchte.

Riccarda Mecklenburg, Präsidentin Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch


Scharfer Schnitt

Scharfer Schnitt

Endstation bei Hiob: Nur ein kleiner Teil der ausgemusterten Scheren, Pinzetten, Klammern, die durch Einwegmaterial ersetzt werden, die viel Geld kosten.

«Operation Senegal» heisst das Projekt, das ich seit ein paar Wochen begleite. Die engagierte Frau, die ich bei ihrem Crowdfunding-Projekt berate, möchte am Stadtrand von Dakar in einem Armenspital einen OP-Saal für die Maternité einrichten. Jedes Jahr sterben dutzende von Müttern, weil es Geburtskomplikationen gibt. Die Crowdfunderin, eine Pflegefachfrau, kennt die Rahmenbedingungen vor Ort. Ich mag engagierte Menschen. Es ist nicht nur für meine Kunden ein kleines Abenteuer ein Crowdfunding zu machen, sondern auch ich lerne jedes Mal etwas Neues hinzu. Diesmal war es eine an Schwachsinn grenzende Erste-Welt-Verschwendung:

Als sich abzeichnete, dass wir die benötigte Summe nicht zusammen bekommen, haben wir Kontakt mit der Organisation Hiob aufgenommen. Bei Hiob landen die ausgemusterten Spitalausstattungen der Schweiz. Alle Geräte, Materialien, Ausrüstungen, die Spitäler nicht mehr benutzen, findet man dort. Zum Beispiel: Ein Regal voll mit Sterilisationsapparaten. Denn, so lautete die Begründung auf mein Nachfragen hin, das Sterilisieren lohne sich nicht, da die Personalkosten in der Schweiz dafür zu hoch seien. Deswegen werden inzwischen nur noch Einweg-Scheren, -Pinzetten, -Zangen, -Spachtel etc. benutzt. Und nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Ergo waren in den Lagerhallen der Organisation wäschekörbeweise ausgemusterte Scheren, Pinzetten, Zangen in allen Grössen und Formen zu finden. Beeindruckt von dieser Menge, fragte ich bei meiner Hausärztin nach, wie sie es mit dem Sterilisieren und Wiederverwenden bei sich in der Praxis halte. Die Antwort war ernüchternd: Ja, sie sterilisieren noch alles. Aber die Arbeit des Sterilisierens wird nicht vergütet. Würde sie hingegen eine Einwegschere benutzen, könnte sie das als Aufwand bei der Krankenkasse als Taxpunkt abrechnen. Sie zeigte mir ein Muster von einer Wegwerfschere, die sie von einem Vertreter bekommen hatte. Ein hochwertiges Produkt, rostfreier Stahl, steril verpackt. Made in Pakistan, war auf dem Etikett zu lesen. Diese Schere hat einiges an Energie und Stahl gekostet, wurde steril verpackt in die Schweiz transportiert, um dann nach ein paar Schnitten im Müll zu landen. Einfach weil man es abrechnen kann. Weil unser System so ist. Falls Sie sich wundern, warum die Krankenkassenprämien steigen, schauen Sie mal bei Hiob vorbei.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch


Ein OP-Saal um Mütter zu retten

Letzten Oktober kam Rosaria Mazzillo auf mich zu und fragte nach Unterstützung für ihre Crowdfunding Idee. Sie war vor Jahren mit dem Centre de Santé Golf Sud in Kontakt gekommen. Das ist ein Armenspital am Stadtrand von Dakar. Als Pflegefachfrau bekam sie schnell Kontakt und Einblick zu den Ärztinnen und Pflegenden. Durch das Gespräch mit der Chefhebamme, erfuhr Rosaria, dass im Spital leider eine zu hohe Anzahl von Müttern bei der Geburt sterben, weil es Komplikationen gibt. Im Spital fehlt ein OP-Saal. Die Räume sind samt Anschlüsse da, aber die Ausstattung fehlt. Das Spital kann diese Beträge nicht erwirtschaften um einen OP-Saal einzurichten. Deswegen nahm Rosaria dieses Problem an und setzte ein Crowdfunding auf. Hier ist der Link zum Unterstützen: Ein OP-Saal um Mütter zu retten

Und im Video erklärt sie mehr zum Projekt. Danke für jede Hilfe.


Helvetia ruft: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht

Helvetia ruft: 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht

Daher ist das 50 Jahre Jubiläum zum Frauenstimmrecht eine respektvolle Referenz an die Frauengenerationen, die das erkämpft haben. Aber das Jubiläum hat nichts mit der heutigen Generation zu tun. Denn daraus kommt keine Kraft und Energie für die Herausforderungen, die sich uns jetzt stellen. Es ist eher ein Menetekel, eine Warnung, was passiert, wenn eine vormals moderne Gesellschaft (Einführung der direkten Demokratie 1848) stehen bleibt und sich auf ihren Lorbeeren (Abstimmen dürfen nur Männer) ausruht. Deswegen meine nächste Provokation: Wenn sich das Leben nur noch um die persönliche Fitness und den dellenfreien Po für das Instagram-Profil dreht, dann muss man sich nicht wundern, wenn es mit der seriösen Karriere, mit der Übertragung von Verantwortung und somit auch Macht, hapert. Karriere zu machen, heisst sich in den Wettbewerb mit Wissen, Fähigkeiten, Ausdauer und Durchsetzung zu werfen. Wer das scheut, wer das nicht will, weil man sich nur mit sich selbst beschäftigen möchte, darf sich nicht beschweren, wenn sich karrieremässig auch da nichts bewegt. Einen Jagdhund, den man zur Jagd tragen muss, braucht man nicht. 

Ein Beispiel zu diesem Thema: AllianceF ist die grösste und wichtigste politische Interessenvertretung für die Anliegen von Frauen zum Thema Gleichberechtigung. Der Dachverband will das Jubiläum zum Frauenstimmrecht mit einem Event am 1. August auf dem Rütli feiern. Dieser historische Ort ist sehr passend, um an die direkte Demokratie zu erinnern, die nur den Männern zustand. Wäre das jetzt die einzige Feierlichkeit, die sich AllianceF ausgedacht hätte, wäre ich enttäuscht, denn da passiert nichts. Es wäre ein typischer Mimimi-Anlass. Absolut grossartig finde ich hingehend die Initiative, die AllianceF gestartet hat, um Hatespeech zu stoppen. Sie programmieren einen «Bot Dog» der sexistische und erniedrigende Kommentare in Social Media und in Online-Medien aufspürt. Damit wollen sie aufzeigen, mit welchem Hass Frauen im Netz konfrontiert sind und es wird Counter Speech dagegen eingesetzt. Die Programmierung des Algorithmus läuft und der «Bot Dog» wird realisiert. Das ist der Weg, von dem ich spreche. Die engagierten Frauen von AllianceF fokussieren sich nicht auf die beschämende Vergangenheit, sondern arbeiten an einer besseren, gleichberechtigten Zukunft. Helvetia ruft. Feiern wir unsere Grossmütter und Mütter. Aber engagieren wir uns weiter mit Ehrgeiz, Kreativität, Unternehmertum und Weitsicht, damit wiederum unsere Enkeltöchter stolz auf unsere Frauengenerationen sein können. 

Riccarda Mecklenburg, designierte Präsidentin vom Verband Frauenunternehmen VFU, Inhaberin von CrowdConsul, Founder von What the Hack, Stiftungsrätin Zürcher Journalistenpreis wohnt in Weiningen bei Zürich. Der Artikel ist in Ladies Drive erschienen:


Lehrlinge in Not

Lehrlinge in Not

«Habe meine Lehrstelle wegen Corona verloren, was soll ich tun?» fragte ich die Suchmaschine Google, um zu erfahren, welchen Rat ich erhalte, wenn ich diesen Hilferuf eingebe. Wohlgemerkt, ich habe diese Suchanfrage aus der Schweiz gestartet. Auf der ersten Seite wurden mir fünf Artikel von verschiedenen Print-Medien angezeigt, dann folgte ein Ergebnis von der deutschen Gewerkschaft Verdi zum Thema: «COVID und Jobverlust», dann etwas von einem deutschen Ausbildungsportal für Lehrlinge und als letzter Link etwas vom vpod.ch von Mai 2020: «Deine Rechte in der Ausbildung». Corona und Berufsbildung scheinen in der Schweiz kein Problem zu sein. Oder, wie soll man das verstehen, dass keine Behörde, kein RAV, kein Verband, keine Gewerkschaft dazu aktiv im Netz Hilfe anbietet? 

Wie anders tönen die Gespräche der Freunden meiner Jungs: «Der X hat seine Lehrstelle verloren, weil der Betrieb pleite ist.» Und: «Wenn er nicht innerhalb von drei Monaten eine neue Lehrstelle findet, muss er die Berufsschule verlassen.» Oder: «Die Y wollte gerne schnuppern gehen, aber kommt nirgendwo rein.» Oder: «Der Kollege mit der so coolen Lehrstelle ist auf Kurzarbeit und erhält kein Geld.» «Der andere Kollege ist im Homeoffice und verzockt die Zeit, weil er nichts zu tun hat.» Aha. Die Liste lässt sich beliebig vorsetzen: Die Angst, keine Lehrstelle zu finden, vom Lehrbetrieb nicht übernommen zu werden, obwohl es einem in Aussicht gestellt wurde, die Sorgen, sich nicht richtig für die Prüfungen vorbereiten zu können, sind schmerzhafte Realität geworden!

Ein bitterer Nachgeschmack entsteht, wenn man realisiert, dass die junge Generation die Schuldenberge der Pandemie bezahlen muss. Der momentane Fokus konzentriert sich auf die Menschen, die schon lange das Erwerbsleben hinter sich haben oder in der Pflege Höchstleistung erbringen müssen. Das ist sicher richtig. Aber den ganz harten Preis zahlen die Kinder und insbesondere die Jugendlichen. Ihr soziales Leben läuft auf Sparflamme, sie sind im Home Schooling auf sich gestellt, die Ausbildungsaussichten haben sich verschlechtert und mit ihren Sorgen und Nöten werden sie – bestenfalls – zu überlasteten Psychotherapeuten geschickt. Fünf Jahre lang werden die Folgen der Coronakrise in der dualen Berufsbildung zu spüren sein, ist die Erkenntnis aus einer neuen Studie der Universitäten Bern und Zürich. Wie schlimm muss es noch werden, damit diese Lockdown-Politik aufhört?

Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul 

Die Kolumne erschien in der Handelszeitung vom 25. Februar 2021


Clubhouse: So geht Social Media

Clubhouse: So geht Social Media

Seit Tagen bewege ich mich nur noch mit einem Apple-Gerät und Ohrstöpsel durch die Gegend. Ich höre Leuten aus der ganzen Welt zu, wie sie sich in der neuen App Clubhouse über Gott und die Welt unterhalten. Wenn mich jemand anspricht, winke ich energisch ab. Ich will nicht gestört werden. Es ist ein Erlebnis Menschen zuzuhören, die man manchmal kennt, häufig nicht, und man sich trotzdem angesprochen fühlt. Man muss nur das Händchen auf dem Bildschirm antippen und schon wird man aus dem Zuhörerraum auf die Moderatoren-Ebene geholt und kann mitreden, Fragen stellen oder seine Expertise einbringen. Alle Gespräche sind höflich, freundlich, interessiert. So geht Social Media, wie es sich wohl Zuckerberg oder Dorsey ursprünglich gewünscht haben. Aber bei ihnen hat sich – gelinde gesagt – die Büchse der Pandora geöffnet. 

Das Faszinierende – neben der Gesprächskultur – ist das demokratische Mitreden. Wer etwas besprechen möchte, eröffnet einen Raum, setzt eine Uhrzeit, organisiert bestenfalls noch zwei Co-Moderatoren und los geht es. Hörer kommen garantiert oder man lädt sie vorher ein. Einzige Voraussetzung ist ein Apple-Gerät und eine Einladung von jemand, der eine Clubhouse-Membership hat. 

Die Android-Welt wird momentan noch ausgesperrt, weil das App eine Betaversion und somit wirklich brandneu ist. Aber es schlägt bereits Wellen, wie seit Jahren kein zweites App. Unsere Isolation in der Pandemie beschleunigt wahrscheinlich den Erfolg. Unmengen von Menschen haben Zeit und Langeweile. Hungern nach Austausch und Aufmerksamkeit. Wie perfekt ist da ein App, wo nur die Stimme und das Gesagte wichtig sind. Ein urdemokratischer Podcast zum Mitreden. Flache Hierarchien, kein CEO-Townhall-Gedönse mit PowerPoint, kein Zoom-Meeting mit gequält geheucheltem Interesse. Gespräche auf Augenhöhe, so wie es New Work verspricht. Neulinge sind an der Konfettikanone in ihrem Profilbild zu erkennen. Das ist das Signal für den Welpenschutz. 

Jetzt wird im Clubhouse gerade experimentiert. Seien Sie nicht überrascht, wenn bald Ihr Kommunikations- oder PR-Experte auf Sie zu kommt und vorschlägt, dass Sie dringend ihre Expertise in diesem oder jenem Talk einbringen müssen, um ihre Profilierung zu unterstreichen. Spätestens dann hat die neue Plattform ihre Unschuld verloren. Geniessen wir sie noch verspielt und unverdorben.

Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Co-Moderatorin «1-Satz-Literaturclub» auf Clubhouse

veröffentlicht in der Handelszeitung 4. Februar 2021 https://www.handelszeitung.ch/panorama/clubhouse-so-geht-social-media?utm_source=mail


Post traumatisch

Post traumatisch

Erinnern Sie sich noch an diese kleinen grünen Zollzettel von der Post? Sicher. Wenn man etwas ins Ausland verschicken wollte, füllte man so einen aus. Schnell deklarierte man den Inhalt, schrieb noch einen fiktiven Warenwert von ein paar Franken dazu und weg war das Geschenk oder die vergessenen Kleinigkeiten vom Besuch. So simpel war das. Tempi passati.

Heute ist es kompliziert. Es fängt damit an, dass man drei Franken bezahlen muss, wenn die Schalterverantwortliche, die Zolldeklaration ausfüllt. Wenn Sie dieses Geld sparen möchten, bekommen Sie einen Zettel mit einem QR-Code. Diesen soll man mit dem Handy scannen und die Maske, die sich dann öffnet, muss man ausfüllen. Dann wird ein Strichcode generiert und mit diesem können Sie sich erneut am Schalter anstellen. Falls man kein Smartphone hat, soll man es Zuhause am PC machen. Aha. Dafür bin ich also zur Post gegangen, um dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt zu werden? Und was ist mit den Menschen, die keinen PC haben? Ich scanne also den QR-Code, die Deklaration öffnet sich, schnell ausfüllen, und… das Abschicken geht nicht. In der Software ist ein Bug. Nichts passiert. Auch am Schalter herrscht Ratlosigkeit. Mein Vorschlag – da die Seite nicht funktioniert, soll die Schalterverantwortliche die Deklaration ausfüllen und auf die Gebühr verzichten. Nein das geht nicht. Ihre Dienstleistung kostet drei Franken. Keine Diskussion. Ich soll es Zuhause am PC machen oder die Hotline anrufen. Die Hotline kostet selbstverständlich auch wieder ein paar Franken. 15 Minuten später nach Warteschlaufen und Support, war endlich ein Strichcode in meiner Mailbox angekommen. Der ganze Ärger kostete dann per B-Post nur noch die Kleinigkeit von 13.50 Franken. Ganz nach dem Motto: Wir leisten etwas weniger, dafür kosten wir etwas mehr.

Im Zeitalter, wo sich die Post dank dem Online-Handel mit Amazon und Co eine goldene Nase verdient, wird man als Privatkunde geradezu misshandelt. Statt, dass man die Digitalisierung zu einer Vereinfachung von Abläufen und Kundenfreundlichkeit nutzt, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Früher kostete es ein paar Minuten. Jetzt verliess ich nach 40 Minuten Hürdenlauf schlecht gelaunt den Schalter, da es mich unnötig viel Zeit, Geld und Energie gekostet hat. Und ich habe ein Post Trauma, bei der Vorstellung, dass ich den Monopolisten fast nicht umgehen kann.

Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch

Erschienen in der Handelszeitung 28.Januar 2021 https://www.handelszeitung.ch/tech/mein-post-trauma?utm_source=mail



Stoiker versus Virus

Stoiker versus Virus

«Zur Seelenruhe führen kann nur die Vernunft», schrieb der Stoiker und Staatsphilosoph Seneca vor knapp 2000 Jahren. Er hatte acht Jahre Verbannung auf einer damals noch Drittwelt-Insel namens Korsika hinter sich, einen verzogenen Kaiser namens Nero inthronisiert und war auf dubiosen Wegen reich geworden. Für sein Seelenheil und um die häufig tödlichen Intrigen am Kaiserhof und Senat auszuhalten, fokussierte er sich in erster Linie auf das Philosophieren, insbesondere auf die athenische Philosophenschule der Stoa. Seneca empfahl heitere Gelassenheit, Gleichmut und tugendhaftes Handeln, um so der toxischen Schnappatmung seiner Zeit entgegenzuwirken.

Diese Haltung könnte uns im Umgang mit der Corona-Pandemie hilfreich sein. Zum Beispiel etwas mehr Gelassenheit gegenüber den Massnahme zur Ausbremsung des Virus. Stattdessen gibt es sofortigen Protest, weil nicht jede Nische, jede kleinste Interessengruppe durch vorgängige Konsultation und Berücksichtigung bei den Kompensationsleistungen kontaktiert wurde. Da klagen die Bergbahnen seit Jahren, dass immer weniger Menschen in der Schweiz Ski fahren – und just in diesem Winter scheint die ganze Nation das Skifahren als identitätsstiftende Massenbewegung wiederzuentdecken. Wehe, man darf sich nicht zu hundert in die Gondeln drängeln. Dem Virus ist es egal, wo wir uns zusammenrotten. Hauptsache es ist kalt, eng und stickig.

Und wie wäre es mit etwas mehr Gleichmut, wenn uns Ärzte, Virologen, Journalisten und auch Verschwörungsanhänger mit nicht überprüfbaren, verwirrenden oder recht wunderlichen Informationen volltexten? Natürlich gibt es inzwischen etliche wissenschaftliche Erkenntnisse, die allerdings zum Teil in den letzten Monaten wieder revidiert werden mussten. Genauso gibt es aber bewährte Massnahmen, die sich für die Unterdrückung von Krankheiten seit Jahrhunderten bewährt haben: Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen, sich isolieren, wenn man krank ist.

Mit Gleichmut etwas zu ertragen, verhilft zu der Gelassenheit, auch das Nichtwissen auszuhalten. Wir wissen nicht, wann das Virus weg sein wird, ob die Impfung uns für immer schützen oder ob sie Nebenwirkungen haben wird. Auch das ist dem Virus so lang wie breit. Aber mit unserer jammernden Unzufriedenheit über die Schutzmassnahmen machen wir uns kränker, als es das Virus könnte. Mein Wunsch für 2021: Mit etwas Vernunft zu mehr Seelenruhe.

Riccarda Mecklenburg, Founder CrowdConsul.ch



Du Niete, wieder nicht gewonnen

Du Niete, wieder nicht gewonnen

Aktuell hat Basel neben dem Beizen-Lockdown noch ein weiteres, viel ernsteres Problem: Laut zwei Grossrätinnen aus dem Parteienspektrum Basta und SP, beanspruchen die Männer zu viel Redezeit im Rat. Obwohl sie nur 67 Prozent der Sitze einnehmen, reden die Männer 80 Prozent der Zeit. Mittels Vorstoss wollen die beiden Grossrätinnen alle im Ratsbetrieb sensibilisieren, genauer hinzuhören. Denn die Männer würden in der Regel bei ihren Wortmeldungen sowieso nur die bereits erwähnten Argumente des Vorredners wiederholen.  Im ersten Moment klingen solche Genderthemen nach Luxusproblemen, mimosen- und oberlehrerhaft. Im Kopfkino entstehen schon die ersten Schnitzelbänke. Aber in der Realität kennen Frauen diese Situationen aus ihrem Arbeitsalltag zur Genüge. In Sitzungen beten die Herren, am besten noch mit im Nacken verschränkten Armen, die Argumente des Vorredners nach oder wiederholen sich dreimal. Wer wichtig ist, redet viel: Locutus ergo sum – ich habe gesprochen, also bin ich. Was kann man da machen? Ohne sich wieder in Gender-Ideologien zu verheddern? Wir lassen Fortuna walten.  Eine Studie der Universität Zürich rät, Führungskräfte zufällig auszuwählen. Dann sind sie weniger überheblich, so die Forscher. Vorgesetzte, die nur durch ein Auswahlverfahren an die Spitze kommen, neigen zu Selbstüberhöhung, weil sie meinen, ihre grossartige Expertise unterscheide sie von den Konkurrenten. Sonst wären sie ja nicht da oben. Werden sie aber aus einem Pool von Fähigen ausgelost, sinkt die Profilneurose deutlich, da das Quäntchen Glück zur Chefposition beigetragen hat.  Dieses Losverfahren könnte man doch auch in grossen Gesprächsrunden anwenden. Zuerst melden sich alle, die zu bestimmten Agenda-Punkten etwas sagen wollen im Parlament oder anderen Gremien. Pro- und Kontra-Voten werden gewichtet, damit keine Seite ins Hintertreffen gerät. Dann entscheidet Fortuna mittels Los, wer aus den zwei Lagern reden darf. Damit ist die Redezeit gefüllt, losgelöst vom Gender-Mix. Das Zufallsprinzip ist neutral, gerecht oder ungerecht, wie man es sehen möchte. Wahrscheinlich braucht es dann noch eine psychotherapeutische Resilienz-Begleitung. Um den Frust zu verarbeiten, wenn man zum x-ten Mal das Los zieht: Niete – leider nicht gewonnen. Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch AB16BD7E-5908-4925-88D7-781BC1AFDCC5
Bigotte Moral

Bigotte Moral

Vor fünf Wochen wurde über die Begrenzungsinitiative der SVP abgestimmt. Im Abstimmungswahlkampf hatte die SVP mit einem Schweizer Mädchen geworben und eine breite Ablehnung kassiert, weil sie für ihre Initiative ein Kind einsetzte. Nun stimmen wir über die Konzerninitiative ab – und es schauen uns von den Plakaten ebenfalls wieder traurige Mädchengesichter in desolaten Umgebungen entgegen. Die Manipulation unserer Emotionen mit Kindern ist platt, aber wirkungsvoll. Wer will schon Kindern Leid antun? Nur, dieses Mal gibt es keinen Aufschrei. Bigotte Moral? Kinder und SVP gehen nicht. Aber linke Anliegen und Kinder gehen problemlos. Dabei steht unter den Plakaten ganz klein, dass es Symbolbilder sind und inzwischen weiss man auch, dass die Gesichter und die Hintergründe frei von der Werbeagentur zusammengewürfelt wurden. Die Fotomontagen zeigen indische Kinder auf Maisfeldern im Bundesstaat Iowa, bedroht von einem Sprühflugzeug mit Chemikalien. Das nennt man heute Fake News. Früher hiess das Propaganda und noch früher hiess das: Du sollst nicht lügen. Genauso manipuliert ist das Bild eines traurig dreinblickenden, schmutzigen Mädchens mit einer stillgelegten Mine im Hintergrund. Auch das ist robuste Fotomontage, in der Realität stand es vor einem Sportplatz. Die Initianten verlangen, dass ethische Mindeststandards von der Schweizer Wirtschaft eingehalten werden sollen. Aber in ihrer Kampagne wird tief in die hypermoralische Mottenkiste gegriffen, frei von Wahrheit; die müssen nur die anderen einhalten. Im Grund genommen geht es bei der Konzerninitiative um unseren persönlichen Ablasshandel. Jede Tafel Schokolade kann Kinderarbeit beinhalten, wie auch günstig erworbene T-Shirts. Aber wer entscheidet sich für Fair-Trade-Produkte und verzichtet auf billige Kleidung? Alle Unternehmen, nicht nur Konzerne, sollen garantieren, dass ihre Lieferketten bis in die dunkelsten Winkel der Produktion korrekt sind. Das versuchen auch die meisten Unternehmen, die ihre Social-Responsibility- und Compliance-Reports nicht als Feigenblatt verstehen. Die selbstverpflichtenden Anstrengungen steigen. Aber der Impetus der Moralisierung ist stärker und lieber delegieren wir mit einem moralischen Kreuzchen auf dem Abstimmungszettel unsere Verantwortung, als unser Konsumverhalten wie die Sucht nach dem neusten Prestige-Handy zu hinterfragen. Riccarda Mecklenburg, Vorstand Verband Frauenunternehmen, Founder CrowdConsul.ch FF1D3117-4181-4BDA-A5F3-D8BFA2D7DE0E