Whaam! Und weg war das Talent. Sie war loyal, engagiert, sympathisch, brachte Kinder und Karriere unter einen Hut. Exzellente aus- und weitergebildet. Smart bei Lösungen und pragmatisch im Umgang. Jeder dachte, die wird die nächste CEO und dann kündigte sie und war weg. Als Präsidentin vom Verband Frauenunternehmen treffe ich diese tollen Frauen dann bei uns im Verband wieder. In der Regel kommen sie mit guten unternehmerischen Ideen und brennen für ihre Selbständigkeit. Fragt man sie, warum sie von der Corporate Karriere ins Unternehmerinnenleben wechseln, hört man immer wieder ähnliche Geschichten und die hat Lucy Ryan gesammelt und wissenschaftliche analysiert. Ryan, selbst Leadership-Coach und promovierte Psychologin, hat eine Forschungslücke geschlossen, die in den Diversity-Strategien vieler Unternehmen klafft: Warum verlassen Frauen um die 50 gerade dann die Corporate World, wenn sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehen? Die gängigen Narrative – Burnout, Sandwich-Generation, Lust auf Selbstverwirklichung – entlarvt sie als Mythen. Es sind vielmehr systemische Barrieren, mangelnde Wertschätzung, Altersdiskriminierung und eine Unternehmenskultur, die nach wie vor männlich, jung und linear tickt.
Frauen in der Lebensmitte sind nicht jung, nicht männlich und ihre Karrieren verlaufen selten geradlinig. Die Folge: Sie werden übersehen, ihre Motivation wird unterschätzt, ihre Erfahrung nicht genutzt. Dabei widerlegt Ryan mit Daten und Geschichten den Irrglauben, Frauen über 50 seien weniger ambitioniert oder leistungsfähig.
Was Ryans Buch so lesenswert macht, ist die Verbindung von Forschung und Praxis. Sie gibt Frauen eine Stimme, die nach Jahren der Loyalität und Leistung plötzlich stagnieren. Viele Frauen stellen fest, dass ihre Investitionen nicht im Verhältnis zum Ertrag stehen, und entscheiden sich für einen radikalen Neuanfang – oft in die Selbstständigkeit oder ins Ehrenamt.
Das Bild, das sich aus Ryans Interviews und Studien ergibt, ist eindeutig: Frauen, die aussteigen, sind keine Verliererinnen, sondern Pionierinnen. Sie gründen Unternehmen, werden Beraterinnen, engagieren sich sozial. Studien zeigen, dass Frauen in der Selbstständigkeit ihre Ziele oft erfolgreicher umsetzen als Männer – insbesondere, was Flexibilität, Sinn und Selbstbestimmung betrifft. Junge Frauen entdecken diese Möglichkeiten zunehmend früher, doch gerade die Generation 50plus bringt einen Erfahrungsschatz mit, der in der Wirtschaft schmerzlich vermisst wird.
„Revolting Women“ darf gerne Pflichtlektüre sein für HR, Führungskräfte und alle, die Diversity ernst meinen. Es ist ein Aufruf, die Regeln zu ändern, statt Frauen zu verbiegen. Ryan liefert nicht nur Analysen, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen und Frauen.
Wer das Potenzial der „revolting women“ erkennt, gewinnt. Wer es verschläft, verliert. Und wir ergattern als Verband ein neues Mitglied.

Erschienen in der Bilanz 6/2025
Neueste Kommentare